Wir schreiben das Jahr 1997, ein anderes Jahrtausend also. Notorious B.I.G. wird erschossen, Hongkong gehört wieder zu China, Pathfinder landet auf dem Mars und Ukyo Katayama fährt sein letztes Formel 1 Rennen im Minardi Hart. Demnach ein Jahr mit äußerst geschichtsträchtigen Ereignissen. Mein persönliches Highlight ereignet sich damals jedoch erst an Weihnachten: Ich bekomme meinen ersten PC! Ein Intel Pentium Irgendwat mit 166 Mhz und 4 MB RAM. Was damit alles möglich war… Unfassbar.

Unter anderem konnte ich nun endlich das bereits im Juni vom Taschengeld gekaufte Grand Prix 2 installieren. Vorbei also die lange Wartezeit von sechs Monaten, in denen ich immer und immer wieder die 154 Seiten des Handbuchs verschlungen habe, ohne dabei gefühlt auch nur ein Mal zu blinzeln. Grand Prix 2…. Was für ein Game! Damals für mich unvorstellbar, dass in Sachen Grafik auch nur ansatzweise noch Steigerungen möglich wären. Gut, mein zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre altes Hirn verweigert aus Prinzip jegliches Erlernen und Wissen zum Thema Physik, sodass ich auch
gar nicht wissen konnte, dass ein Intel Pentium mit 166 Mhz und 4 MB Ram eben noch nicht die Krönung des technischen Fortschritts war und durch die rasante Entwicklung des PC´s bald noch besser aussehende Games realisierbar werden sollten.

Nun, für mich war Grand Prix 2 in Punkto SimRacing quasi wie das Gokart eines realen Rennfahrers. Die Sprungschanze in höhere Klassen. Die Generalprobe vor dem eigentlichen Event und die Vorspeise zum Hauptgang. Damit hat einfach alles angefangen! Auch heute noch kehre ich gerne zurück in die Formel 1 Weltmeisterschaft 1994, back to the roots sozusagen, und drehe ein paar Ründchen als virtueller Bertrand Gachot in meinem silberfarbenen Pacific Ilmor PR01. Und ich bin besser als der echte Gachot, denn ich schaffe es, nach der Qualifikation mit der Karre auch in der Startaufstellung zu stehen. Hah!

Tag und Nacht habe ich das Game gezockt. Eine ganze Rennsaison mit 16 Grand Prix auf 100 Prozent Renndistanz und natürlich(!) plus Trainings- und Qualifikationssessions wurde innerhalb von zwei Wochen abgewickelt. Mehrfach! Ein Jahr lang hatte ich fast nichts Anderes im Sinn als Formel 1 zu fahren. Und als dann die ersten Mods im Umlauf waren… Kinder was war das toll! Ich raste aus!
Natürlich hatte ich auch ein passendes Lenkrad am Start, gekauft in irgendeinem mittlerweile insolventen Büromarkt. Von Force Feedback hatte ich noch nie gehört und dieses Feature besaß jenes Wunderwerk der Technik natürlich auch nicht. Um die Tischhalterung musste ich mir auch keine Gedanken machen, denn das Teil konnte man zwischen Bürostuhl und Beine klemmen, sodass man quasi darauf saß. Einfach toll! Und dann kam für mich völlig unvorhersehbar der Tag, an dem ich realisierte, dass Grand Prix 2 eben nicht die Spitze des Eisbergs ist.

Es war kalt draußen, die Formel 1 Saison des Jahres 1998 war beendet und Toranosuke Takagi im Tyrrell Ford war für mich irgendwie kein würdiger japanischer Ersatz für Ukyo Katayama. Es muss kurz vor Weihnachten gewesen sein, als mir mein Cousin das Rennspiel TOCA Touring Cars von Codemasters auf seinem PC vorführte. Es war ein absoluter Next Generation Rechner mit über 200 Mhz und locker 8… ach was rede ich… es waren bestimmt 16 MB Ram. Eine wahre Höllenmaschine also. TOCA besaß die offizielle BTCC-Lizenz und die Grafik war einfach bombastisch. Es dürfte keinen wundern, dass ich der absoluten Überzeugung war, dass es never ever ein Game geben wird, das an dieses Meisterwerk der grafischen Darstellung heran kommen wird. Ich habe mir TOCA natürlich sofort ausgeliehen und es auf meinem ein Jahr alten, altbackenen Rechner installiert. Schnell das Lenkrad unter die Beine geklemmt und auf TOCA.exe geklickt. “Hm, der Ladebildschirm sieht aber komisch aus…” dachte ich noch, bevor ich wieder den Desktop zu sehen bekam. Es erschien die Meldung, dass mein Rechner ressourcentechnisch sozusagen nicht in der Lage war, das Spiel auszuführen. Daran änderte sich auch nichts, als mein Vater mich Tags drauf quer durch den Landkreis Osnabrück kutschieren musste, um einen PC-Laden zu finden, der mich und meinen Uralt-PC in den Genuss von weiteren 4 MB Ram brachte. Die Kiste war mittlerweile schlichtweg ein Fiat Uno!

Mir blieb also nichts weiteres übrig, als mich weiter mit Grand Prix 2 zu beschäftigen. Die Jahre (gefühlt waren es Jahrzehnte) verstrichen, es folgten Grand Prix 3 und Grand Prix 4, die Formel 1-Reihe von EA, Need for Speed und Nascar. Aber es war nicht mehr wie früher. Keines dieser Games konnte für mich die Atmosphäre eines Grand Prix 2 rüber bringen. Es war einfach alles zu unrealistisch, damit uninteressant für mich und einen Kauf nicht wert. Außerdem war Ukyo Katayama nicht mehr dabei. Es kam also wie es kommen musste… Ich verlor das Interesse an virtuellen Autorennen und auch ganz allgemein an PC/-Spielen. Von Konsolen hielt ich damals wie heute nicht viel. Erst als ich um das Jahr 2002 herum anfing elektronische Tanzmusik zu produzieren (damit verbunden war die Neuanschaffung eines PC), testete ich auch ab und zu mal wieder ein Game an. Damals waren es glaube ich die ersten Teile der Battlefield-Reihe, dann Call of Duty, irgendwelche abgefahrenen Rollenspiele, etc. Nichts davon konnte mich allerdings so wirklich in seinen Bann ziehen und ich hielt das Ganze für Zeitverschwendung. Meine Schlussfolgerung daraus: Menschen die sich viel mit PC-Spielen beschäftigen, sind alles Nerds! Keine Freunde, keine Frau, kein Sex. Eine etwas pauschalisierte Denkweise gebe ich zu. Ich schiebe es mal auf die spätpubertäre Phase, in der ich mich damals befunden habe.

Es folgten Jahre, in denen die Entwicklung von Racing-Games und Simulationen im Allgemeinen in der Spiele-Branche für nicht rentabel erklärt wurden. “Klar…”, dachte ich mir, “…ich kaufe sie ja auch nicht mehr.” Doch dann entdeckte ich im Jahr 2009 rFactor. Vier Jahre vorher released und von mir lange Zeit unentdeckt, hat sich dieses Game zu einem echten Highlight der Sim-Community entwickelt. Das Fahrgefühl: Unfassbar genial. Die Grafik: Für mich wieder einmal bombastisch. Und es gab unzählbar viele Mods. Ich wollte es also noch einmal wissen. Es wurde ein neues gebrauchtes Lenkrad angeschafft, das MOMO Racing Force Feedback Wheel von Logitech. WOW! Und als ob rFactor noch nicht gereicht hätte, wurde bald darauf der erste Teil von SimBin´s GTR released. Für mich ein weiterer Meilenstein im Genre der Racing-Games. Und ich musste meine Ansichten notgedrungen überdenken. Erstens: Es scheint sich wieder zu lohnen, Rennsimulationen zu entwickeln. Und zweitens: Entweder bin ich jetzt auch ein Nerd oder so nerdig ist es gar nicht, sich mit PC-Games zu beschäftigen. Ich habe mich hier für Letzteres entschieden.

Auch der zweite und dritte Teil von GTR waren irgendwann in meinem Repertoire zu finden. Teil 3 aber nur, damit ich den VLN-Mod für rFactor nutzen konnte. Mit gefühlt 200 verschiedenen Autos um die Nordschleife ballern! Der Hammer! Immer noch! Und um das Jahr 2012 rum ging es dann gefühlt so richtig los, was die Racing-Games angeht. Und von nun an darf ich auch getrost von Racing-SIMULATION sprechen. Denn wenn ich auf meinem PC die Exe-Dateien von Assetto Corsa, Raceroom oder rFactor 2 ausführe, hat dies nun wirklich nichts mehr mit TOCA zu tun. Das ist schon großes Kino und macht richtig Spaß. Allerdings machte mir das MOMO Racing Wheel einen Strich durch die Rechnung. Deutlich in die Jahre gekommen, wurde es von der Software schlichtweg nicht mehr richtig unterstützt.

Zu geizig dafür, ein neues Lenkrad zu kaufen, wurden besagte Exe-Dateien also nur sporadisch angeklickt, um dann festzustellen, dass das Fahren mit der Tastatur einem die Lebensfreude nimmt. Also habe ich mich fortan eher damit beschäftigt, mir YouTube-Videos zu diesen Simulationen anzuschauen. Dabei kam ich natürlich an diverser dort gezeigter Hardware nicht vorbei. “Pfff… wer schiebt denn 500 Euro für eine Wheelbase über den Tisch?!” dachte ich mir. Dass dazu dann ja noch ein Lenkrad und Pedale gebraucht werden, habe ich erst später gecheckt. Für mich unvorstellbar, so viel Geld für ein Spielzeug auszugeben. Wofür denn auch? Dafür, dass man so wie diese Typen in den YouTube Videos damit einsam und allein seine Runden drehen kann in einem Game das iRacing heißt? Hotlaps fahren nannte der Kollege das. Erschien mir sehr langweilig, auch wenn ich natürlich mal gegoogelt habe, was iRacing denn eigentlich ist. “Die wollen jährlich Geld von mir?! No way!” Thema Racing-Simualtion abgehakt. Denkste!

Wir schreiben das Jahr 2016. Es wird herbstlich draußen, die Tage kürzer, beziehungstechnisch befinde ich mich im Reaktorblock 4 des AKW Tschernobyl und ich brauche dringend eine Abwechslung und Zeit für mich. Wieder durch YouTube-Videos inspiriert gelang ich abermals auf die Homepage von iRacing. Nachdem ich dann auch noch einen Promocode entdeckt habe, der mir ein Drei-Monats-Abo und den Ford GT für 5 Euro versprach, bin ich das Wagnis eingegangen und habe die Software installiert. Tags drauf kam dann mein bestelltes Thrustmaster T150 Hightech-Lenkrad. So viel schlechter als die teuren Fanatec-Dinger kann das T150 ja nicht sein. Es konnte also wieder los gehen. Ich hatte mindestens genau so viel Elan und Adrenalin im Körper, wie an Weihnachten 1997, als ich das erste Mal Grand Prix 2 gestartet habe. Mein Vorhaben war die Software zu starten, mit dem Ford GT direkt auf die Piste zu gehen und zum Einstieg erstmal 20 Runden um den Limerock Park zu düsen. Aber was dann kam, hatte nichts mit Weihnachten 1997 zu tun.

Nach vier erfolglosen Versuchen ohne Dreher aus der Box zu kommen, hat es beim fünften Mal endlich funktioniert. Völlig überfordert mit der Situation bin ich vor der ersten Rechtskurve auf das Bremspedal gestiegen und die Karre ist mit qualmenden weil blockierenden Reifen nach links ausgebrochen. Ich natürlich wild am kurbeln an meinem T150, Bremse lösen und wieder drauf steigen, versuchen mit nem Gasstoß die Karre einzufangen (kennt man ja aus dem realen Leben), runterschalten in den zweiten Gang…. Es hat alles nichts geholfen, der Ford ist links in die Leitplanke eingeschlagen und war zu meiner Verwunderung ziemlich lediert und ließ sich nicht mehr wirklich geradeaus fahren. “Alles wie im echten Leben” dachte ich und stellte fest, dass iRacing kein Spiel ist, sondern eine ernsthafte Simulation. Mir war sofort klar, dass ich hier einiges an Zeit und Training investieren muss, um einigermaßen gescheite Rundenzeiten erreichen zu können. Als ich dann realisiert habe, dass Off-Tracks und Kontakte mit Begrenzungen und anderen Autos von der Software erkannt werden und die Rundenzeiten dann nicht zählen, wurde das Ganze natürlich noch herausfordernder für mich. Aber genau das gefiel mit an iRacing. Es ist durch und durch realistisch, was das Kernelement einer Rennsimulation angeht. Das Handling und die Physik der Fahrzeuge. Das konnte ich in keinem bisher von mir getesteten Game so ausgeprägt feststellen und hat sofort meinen Ehrgeiz geweckt.

Nach einigen Trainingstagen und ein paar Stöbereien in diversen Foren wie Simracing Deutschland oder Virtualracing bin ich auf die vielen deutschen iRacing-Ligen aufmerksam geworden. GTS, vVLN, Porsche Cup, etc… Eine ganze Flut an Möglichkeiten, sich in iRacing auszutoben. Leider hatte sich aber mittlerweile ein großes Problem ergeben: Das T150 war sein Geld scheinbar nicht wert, denn nach wenigen Spielstunden ist das Bremspedal gebrochen. Also reklamiert und das Geld zurück bekommen. “Muss es also doch was Hochwertigeres und damit auch Teureres sein” gestand ich mir ein. Gut dass ich mittlerweile in den Foren einen Account hatte, sodass ich hier ein paar einschlägige Fragen zum Thema Hardware stellen konnte. Auch der foreninterne Marktplatz war natürlich interessant um sich einen Überblick zur Kostensituation zu verschaffen. Mit Fanatec könne ich nichts falsch machen, war der allgemeine Tenor. In der Umgebung meines Wohnortes bot Ende 2016 jemand einen Fanatec Universal Hub plus Lenkrad an und ich bin mir die Hardware spontan anschauen gefahren.

Das Ergebnis dieser Reise war, dass ich nicht nur den ersten Teil meiner Fanatec Hardware gekauft habe (CSL Pedale und Base kamen dann zu Weihnachten), sondern von da an auch einen sehr sympathischen Teamkollegen hatte, der mir viele Tricks und Kniffe beigebracht hat, was das Fahren in der Simulation und die nötige SimRacing Hardware angeht. Danke Frank! Und auch hierbei habe ich schon recht früh gemerkt, dass Teil eines virtuellen Rennteams zu sein nicht nur bedeutet, dass man sich die Rennen auf der Strecke aufteilt. Auch Treffen an der realen Nordschleife oder gegenseitige Besuche sind nicht selten. Nach einem Jahr als Zwei-Mann-Team sind wir beide seit Ende 2017 Teil der stetig wachsenden GSR-Gemeinschaft und auch hier findet ein super Austausch statt, sowohl virtuell als auch im real life. Große Jahrestreffen werden z.B. im Rahmen des 24h Rennens auf der Nordschleife abgehalten, was natürlich ein sehr naheliegender Schauplatz für solch ein Jahreshighlight ist. Großes Kino kann ich nur sagen.

Wir stellen also fest: Die Überschrift dieses Artikels trifft nicht ganz zu, denn Nerds sind wir nun wirklich nicht. Ohne nochmals definieren zu wollen, wer oder was für mich ein Nerd ist, sind wir ganz normale Menschen in einer wachsenden eSport-Community. Wir genießen es, einem zugegeben etwas teuren Hobby nachzugehen, dafür haben wir jedoch viele neue Freunde und Bekannte gewonnen und zusammen nehmen wir an packenden virtuellen Autorennen teil. Auch wenn sich das immer noch etwas merkwürdig liest, kann ich Jedem nur empfehlen, sich unsere GSR-Homepage und das Team mal etwas genauer anzusehen. Und vielleicht sehen wir uns dann ja schon bald auf der Strecke. Cheerio & Keep Racing 🙂